Gurkenkönig
Der Gurkenkönig auf der Sturmkrähe
Zusammenfassung
Der junge Gurkenkönig geht an Bord der Sturmkrähe, um die Welt zu entdecken. Dort belauscht er Piraten, die das Schiff überfallen wollen, und stellt ihnen mit Zimt, einem Gurkenfass und glitschigem Gurkenwasser eine clevere Falle. Die Piraten werden überwältigt, und der Gurkenkönig lernt, dass man mit Aufmerksamkeit und guten Ideen auch schwierige Probleme lösen kann.
Es war noch ganz früh am Morgen, als der junge Gurkenkönig am Hafen stand und hinaus aufs weite Meer blickte. Die Sonne war gerade erst aufgewacht und schickte ihre ersten goldenen Strahlen über das glitzernde Wasser.
Der Gurkenkönig trug seinen liebsten Umhang aus weichen, grünen Blättern. Bei jedem kleinen Schritt, den er machte, gab der Umhang ein sanftes Geräusch von sich. Raschel, raschel.
Das Wasser im Hafenbecken war so ruhig wie ein frisch geputzter Spiegel. Kleine Wellen plätscherten gegen die alten, grauen Hafensteine: Plitsch, platsch. Es klang fast so, als würden sie dem Gurkenkönig leise „Guten Morgen“ flüstern. Über den Stegen kreisten die ersten Möwen. Sie riefen laut durcheinander: „Krah! Krah!“, als hätten sie eine sehr wichtige Versammlung einberufen, um zu besprechen, welcher Fischer heute den größten Fang bringen würde.
Der junge Gurkenkönig schloss die Augen und atmete tief ein. „Mmmh …“, murmelte er. „Salz … nasses Holz … und … da ist noch etwas.“ Er schnupperte noch einmal ganz genau. Irgendwo wurde bereits gefrühstückt. Es roch nach gebratenem Fisch, nach einer Prise Pfeffer und nach einem warmen Duft, den er noch nicht kannte. Er liebte solche Gerüche.
In seiner Tasche steckte sein kleines Notizbuch. Es war schon ein wenig zerknittert, weil es wirklich überall dabei war. Wer ein echter Gurkenkönig werden wollte, musste schließlich alles aufschreiben, was er in der Welt entdeckte.
Er schlenderte weiter am Kai entlang, bis er plötzlich vor einem riesigen Schatten stehen blieb. Vor ihm lag ein prächtiges Handelsschiff, größer als alles, was er je gesehen hatte. Die Holzplanken waren dunkel und fest. Die Masten ragten so hoch in den blauen Himmel, dass man den Kopf ganz weit in den Nacken legen musste, um die Spitzen zu sehen. Die Segel waren ordentlich zusammengerollt und sahen aus wie riesige, schlafende Decken.
Am Bug, also ganz vorne am Schiff, stand der Name in großen, stolzen Buchstaben: STURMKRÄHE.
„Ein Schiff, das Sturmkrähe heißt, hat bestimmt Abenteuer im Bauch“, flüsterte der Gurkenkönig.
An Deck herrschte bereits reges Treiben. Matrosen rollten schwere Fässer, schleppten Kisten und zogen an dicken Seilen, die knirsch, knarr machten. Ein Matrose mit einem leuchtend roten Kopftuch bemerkte den kleinen König am Kai.
„Na, wen haben wir denn da?“, lachte er. „Du siehst mir nicht so aus, als würdest du gern still auf einer Bank sitzen.“ „Stimmt“, sagte der Gurkenkönig mutig. „Ich möchte sehen, riechen, schmecken und lernen.“
Der Matrose grinste breit. „Ich bin Paddel-Piet. Wir brauchen in der Kombüse immer jemanden, der dem Koch hilft. Du hast Glück: Wir beladen das Schiff heute und morgen noch fertig, und übermorgen bei Sonnenaufgang beginnt unsere nächste große Reise. Wenn du mit an Bord willst, musst du anpacken. Und wenn du seekrank wirst, dann bitte leise. Das ist hier kein Konzert für Jammerlappen!“
„Ich werde nicht seekrank“, sagte der Gurkenkönig sehr ernst. Er klopfte fest auf seine Tasche. „Ich habe mein Notizbuch. Das ist mein Gegenmittel für alles.“ Paddel-Piet lachte so laut, dass sein rotes Kopftuch wackelte. „Na gut, kleiner König. Dann komm an Bord!“
Wenig später stand der Gurkenkönig in der Kombüse. Es war ein kleiner Raum, in dem es herrlich warm war. Der Koch war ein Mann, so breit wie eine Schranktür, mit einem Bart, der so wild aussah wie ein Vogelnest. Der Gurkenkönig dachte sich, dass sich in diesem Bart bestimmt alles Mögliche verstecken könnte: ein Krümel Brot, eine verlorene Zwiebel oder eine ganze Geschichte.
Der Koch rührte in einem riesigen, dampfenden Topf und schaute den Gurkenkönig streng über den Rand seines Kochlöffels an. „Du bist der Neue?“, brummte er. „Ja“, antwortete der Gurkenkönig. „Ich bin bereit.“ „Gut. Dann schneidest du Zwiebeln.“ Der Koch hob warnend den großen Kochlöffel. „Und Vorsicht bei Seegang. Wenn das Schiff plötzlich hüpft wie ein Ziegenbock und du ein Messer in der Hand hast, verabschieden sich deine Finger schneller als eine Möwe mit einem Brötchen!“
Der Gurkenkönig schluckte und nickte sehr ernst. „Ich mag meine Finger sehr. Sie bleiben bei mir.“ „Sehr vernünftig“, brummte der Koch. „Dann an die Arbeit.“
In den nächsten Tagen lernte der Gurkenkönig viel. Er lernte, dass man Eimer mit Seilen festbinden muss, damit sie bei Wellengang nicht wie kleine Hunde über das Deck laufen. Er lernte, warum die Matrosen immer so breitbeinig standen. Und er lernte die wunderbarsten Gerüche kennen. Eines Nachmittags öffnete der Koch eine kleine Dose mit Zimt. Ein Duft stieg auf, so warm und süß, dass der Gurkenkönig sofort mitschrieb:
Zimt: Riecht wie Sonne auf altem Holz. Ein kleiner Löffel davon macht die Welt ein bisschen wärmer.
Doch in einer Nacht, als die Sturmkrähe noch im Hafen lag, passierte etwas Seltsames. Der Gurkenkönig schlief in seiner kleinen, gemütlichen Koje. Das Schiff knarrte leise, und das Wasser draußen machte gluck, gluck. Plötzlich wurde er wach.
Klack. Klack. Klack.
Das Geräusch war hart und gleichmäßig. Er setzte sich auf und lauschte. „Das ist kein Wellenklatschen“, dachte er. „Das ist Holz auf Holz.“ Ganz leise, auf Zehenspitzen, schlich er an Deck. Der Mond hing wie eine silberne Banane am Himmel. Im Schatten einiger großer Frachtfässer sah er drei Gestalten.
Einer der Männer trug einen schiefen Hut und hatte einen Säbel an der Seite. Bei jedem Schritt, den er machte, gab es dieses Geräusch: Klack. Er hatte ein Holzbein! Neben ihm stand eine Frau mit einer Kette aus Münzen, die im Mondlicht leise klimperte. Auf ihrer Schulter saß ein Papagei, der krampfhaft versuchte, so zu tun, als wäre er unsichtbar. Hinter den beiden lauerte ein dritter, winziger Pirat, der eine tiefschwarze Augenklappe trug und ungeduldig von einem Fuß auf den anderen hoppste.
„Beute!“, krächzte der Papagei plötzlich ganz leise. „Beute!“ Die Frau zischte ihn an: „Sei still, Kalle!“
Der Pirat mit dem Holzbein zeigte auf die Seekarte und flüsterte: „Morgen Nacht. Wenn die Sturmkrähe draußen auf dem Meer ist. Wir haben jetzt die Route. Und nachts sieht man jedes Laternenlicht meilenweit über dem Wasser. Dann kommen wir mit unserem Boot. Leise. Schnell. Und wir nehmen uns die Kisten mit den Gewürzen und das Gold des Kapitäns.“
Der Gurkenkönig hielt den Atem an. Er war nicht ängstlich, aber sein Herz klopfte ein kleines bisschen schneller. Doch anstatt wegzulaufen, begann sein Kopf zu arbeiten. Er hatte eine Idee. Er kannte das Schiff, er kannte die Vorräte – und er wusste nun, was die Piraten planten.
Am nächsten Morgen suchte er Kapitän Brummhaken. Der Kapitän war ein ruhiger Mann mit einem Bart, der so grau war wie eine Regenwolke. Er hörte sich die Geschichte vom Holzbein-Piraten ganz genau an.
„Sie werden uns folgen“, sagte der Kapitän nachdenklich. „Piraten sind wie Fliegen, die Honig gerochen haben.“ „Dann geben wir ihnen Honig“, sagte der Gurkenkönig und klopfte auf sein Notizbuch. „Oder zumindest etwas, das so gut riecht, dass sie alles andere vergessen. Und dann sorgen wir dafür, dass sie den Halt verlieren.“
Der Kapitän gab ihm die Erlaubnis, und der Gurkenkönig machte sich an die Arbeit. Er suchte in der Speisekammer nach einem der großen Fässer mit eingelegten Gurken, die zur Ladung des Schiffes gehörten. Es waren prächtige Gurken in einem würzigen Sud aus Essig, Dill und Senfkörnern. Er holte die Dose mit dem Zimt und rührte ein paar Löffel davon in das Fass. Der Geruch war nun überwältigend: sauer, süß, würzig und so verlockend, dass man am liebsten die Nase direkt hineinstecken wollte.
Zusammen mit Paddel-Piet bereitete er das Deck vor. Er spannte ein starkes Seil genau dort, wo man hinkam, wenn man über die Reling kletterte. Dahinter stellte er eine schwere Holzkiste in den Weg. Und schließlich verteilte er ein wenig von dem glitschigen Gurkenwasser auf den Dielen direkt vor dem offenen Fass.
In der nächsten Nacht war die Sturmkrähe bereits weit draußen auf dem Meer. Alles war dunkel. Die Mannschaft hielt sich im Schatten versteckt. Plötzlich hörte man ein leises Schrapp-Schrapp an der Bordwand. Haken wurden ausgeworfen. Die Piraten kletterten an Bord.
Der Mann mit dem Holzbein kam zuerst. Er schnupperte. „Riecht ihr das?“, flüsterte er. „Das riecht nicht nach altem Fisch. Das riecht nach einem Schatz!“ Er folgte seiner Nase – genau dorthin, wo es so herrlich duftete.
Wumm! Er stolperte über das gespannte Seil und landete mit der Nase auf den Planken. Die Frau mit der Münzenkette wollte ihm helfen, sah aber im Dunkeln die schwere Holzkiste nicht.
Bumm! Sie prallte dagegen, und ihre Münzen klimperten so laut, dass es klang, als wäre ein ganzer Besteckkasten umgefallen. Der dritte Pirat wollte beide überholen, um als Erster am duftenden Fass zu sein. Doch er trat genau in die Pfütze aus glitschigem Gurkensaft.
Wusch! Seine Beine wirbelten durch die Luft, als wollte er auf dem Deck tanzen, und er landete mit einem lauten Knall auf dem Hintern. Der Papagei flatterte aufgeregt hoch: „Gurke! Gurke! Gurke!“
In diesem Moment leuchteten überall auf dem Schiff die Laternen auf. Die Crew der Sturmkrähe trat aus dem Schatten. Kapitän Brummhaken stand ganz ruhig da. „Guten Abend“, sagte er mit seiner tiefen Stimme. „Ich glaube, ihr habt auf meinem Schiff etwas verloren. Euer Gleichgewicht vielleicht?“
Die Piraten saßen auf dem Boden, völlig durcheinander und umgeben vom Duft von Zimt und Gurken. Sie sahen überhaupt nicht mehr gefährlich aus, sondern nur noch sehr tollpatschig.
Am nächsten Morgen war die Luft frisch und klar. Die Sturmkrähe hielt vor einer kleinen, einsamen Insel. „Hier ist eure Endstation“, sagte Kapitän Brummhaken ernst. „Wer versucht, anderen etwas wegzunehmen, muss erst einmal lernen, allein zurechtzukommen.“ Die Piraten wurden mit einem kleinen Boot an den Strand gebracht. Sie bekamen Wasser und Brot, aber kein Gold und keine Gewürze.
Als das Boot zurückkehrte, sah der Gurkenkönig vom Heck des Schiffes aus zu, wie die drei Piraten am Strand standen. Der Papagei saß auf einer Palme und schrie: „Gurken! Gurken! Keine Gurken!“
Paddel-Piet trat neben den Gurkenkönig. „Nicht schlecht, kleiner König“, sagte er leise. „Du hast wirklich eine feine Nase. Ganz ohne großes Geschrei, nur mit ein bisschen Grips und deinem Notizbuch. Ich glaube, die Sturmkrähe ist froh, dass du an Bord bist.“
Der Gurkenkönig lächelte und spürte die warme Sonne auf seiner Krone. Er nahm seinen Stift und schlug eine neue Seite auf:
Abenteuer: Riechen nach Salz, nach Wind und heute auch ein bisschen nach Zimt. Wer genau hinsieht und gut schnuppert, findet für jedes Problem eine Lösung.
Er klappte das Notizbuch mit einem leisen Puff zu. Die Sturmkrähe glitt jetzt ganz ruhig durch das tiefe Blau. Das alte Holz des Schiffes knarrte ab und zu ganz leise, als würde es ein Schlaflied summen.
Der junge Gurkenkönig suchte sich ein gemütliches Plätzchen am Deck. Er kuschelte sich in seinen Umhang aus grünen Blättern und beobachtete die Wolken, die wie weiße Segel über ihn hinwegzogen. Seine Beine waren müde von der Aufregung der Nacht, doch seine Augen blieben hellwach und wanderten immer wieder zum Horizont.
In der Ferne, wo das Blau des Meeres den Himmel berührte, warteten neue Länder und neue Gerüche auf ihn und sein Notizbuch. Er schloss die Augen für einen kleinen Moment, um die Ruhe zu genießen – wohlwissend, dass der Wind ihn zum nächsten Abenteuer tragen würde.
