Gurkenkönig
Das Rätsel vom Sternblatt
Zusammenfassung
In den Drachenbergen findet der junge Gurkenkönig ein Einhorn mit einem gesprungenen Horn. Ein Bergdrache gibt ihm ein Kräuterrätsel, doch erst nachdem der Gurkenkönig eine auffällige falsche Spur erkennt, findet und sammelt er selbst das magische Sternblatt, das die Schmerzen des Einhorns lindert.
Der junge Gurkenkönig wanderte auf einem hohen Pfad durch die Drachenberge. Die kühle Luft roch nach Stein und Wolken. Sein grüner Blätterumhang flatterte im Wind, und seine Krone aus goldenen Sonnenblumenkernen glitzerte in der Sonne.
Plötzlich hörte er ein leises, zittriges Schnauben. Es kam aus einer Mulde zwischen zwei Felsen. Der Gurkenkönig ging vorsichtig näher. Dort lag ein weißes Einhorn. Sein Horn schimmerte silbern, doch nahe der Spitze verlief ein feiner Sprung.
„Tut es sehr weh?“, fragte der Gurkenkönig leise.
Das Einhorn nickte und presste die Augen zu. „Bei jedem Windzug pocht es. Ich wollte zurück in den Farnwald fliegen, aber so kann ich meine Flügel nicht ruhig halten.“
Der Gurkenkönig setzte sich auf einen flachen Stein und zog sein Notizbuch aus der braunen Umhängetasche. Gerade als er überlegte, was helfen könnte, fiel ein großer Schatten über die Mulde.
Auf einem Felsvorsprung saß ein Bergdrache. Seine Schuppen hatten die Farbe warmer grauer Steine, und seine Stimme klang tief wie ein Echo in einer Höhle. „Für ein gesprungenes Einhornhorn gibt es ein schmerzlinderndes Kraut“, sagte er. „Es heißt Sternblatt. Doch es wächst an einer Stelle, die für meine Klauen viel zu eng ist.“
„Kannst du mir sagen, wo ich suchen muss?“, fragte der Gurkenkönig.
Der Drache neigte würdevoll den Kopf. „Ich kenne ein altes Rätsel. Mehr darf ich dir nicht verraten, sonst würdest nicht du die Spur finden.“ Dann sprach er:
„Wo Stein die Sonne morgens trinkt, wo Silbergras im Schatten winkt, such nicht die Blüte, die laut lacht, such ein Blatt mit Stern bei Nacht.“
Der Gurkenkönig schrieb jedes Wort auf. Das Einhorn atmete flach, und der Drache legte seinen großen Kopf neben die Mulde. „Ich bleibe hier“, sagte er. „Ich kann dem Einhorn Gesellschaft leisten und den Wind mit meinen Flügeln abhalten.“
Der junge Gurkenkönig machte sich auf den Weg. Bald entdeckte er am Hang viele gelbe Blumen. Sie leuchteten so kräftig, dass sie schon von weitem zu rufen schienen: Hier entlang! Zwischen ihnen wuchs Gras, das im Licht silbrig schimmerte.
„Sonne, Silbergras und Blüten“, murmelte der Gurkenkönig. „Das muss es sein.“
Er kniete sich hin und suchte zwischen den Stängeln. Die gelben Blumen waren rund und groß. Ihre Blätter hatten jedoch keinen Stern, nicht einmal einen winzigen. Der Gurkenkönig drehte ein Blatt um, dann noch eines. Nichts.
Da zupfte der Wind an seinem Notizbuch. Eine Seite flatterte auf, und er las noch einmal: „Such nicht die Blüte, die laut lacht.“
Der Gurkenkönig setzte sich auf einen Stein und betrachtete die gelben Blumen. Sie standen hoch und bunt im Sonnenlicht. „Natürlich“, sagte er. „Sie lachen laut, weil jeder sie sofort sieht. Das Rätsel warnt mich vor ihnen.“
Er spürte ein kleines Kribbeln der Unsicherheit im Bauch. Die falsche Spur hatte so gut ausgesehen. Doch er klappte sein Notizbuch zu und stand wieder auf. „Dann suche ich leiser.“
Er ging weiter den Hang hinauf, bis die Morgensonne über einen schmalen Felsen strich. Dahinter lag ein kühler Spalt. Dort wuchs niedriges Gras mit silbrigen Halmen. Es bewegte sich kaum, obwohl der Wind über den Berg pfiff.
Zwischen dem Silbergras entdeckte der Gurkenkönig etwas Dunkelgrünes. Die Pflanze hatte keine auffällige Blüte. Ihre kleinen Blätter lagen dicht am Boden. Als er eines vorsichtig anhob, sah er auf der Unterseite einen hellen Stern.
„Ein Blatt mit Stern!“, flüsterte er.
Doch der Felsspalt war so eng, dass er nicht mit beiden Händen hineingreifen konnte. Außerdem lagen lose Steinchen davor. Wenn er sie wegschob, könnten sie auf die zarten Pflanzen rollen.
Der Gurkenkönig blieb ganz still. Dann nahm er sein Notizbuch aus der Tasche und schob es vorsichtig unter die losen Steinchen. Mit der festen Rückseite hob er sie Stück für Stück zur Seite. Danach streckte er langsam die Hand in den Spalt und pflückte nur drei Sternblätter.
„Nicht zu viele“, sagte er. „Das Kraut soll hier weiterwachsen.“
Als er zur Mulde zurückkehrte, warteten der Drache und das Einhorn schon auf ihn. Der Drache hatte seine Flügel wie zwei große Schirme über den Felsen gehalten. Das Einhorn öffnete die Augen, als es die Sternblätter roch.
„Du hast die richtige Stelle gefunden“, sagte der Drache.
Der Gurkenkönig legte die Blätter in eine kleine Vertiefung im Stein und zerdrückte sie mit einem glatten Kiesel. Ein silbrig-grüner Tropfen sammelte sich darin. Das war die begrenzte Magie des Sternblatts: Es konnte Schmerzen beruhigen, aber keinen gesprungenen Hornrand wieder zusammenzaubern.
Vorsichtig strich der Gurkenkönig den Tropfen an die Stelle neben dem Sprung. Das Einhorn schloss die Augen. Nach einem Moment wurde sein Atem ruhiger. Seine Flügel zuckten nicht mehr.
„Der Schmerz ist leise geworden“, sagte es und richtete sich langsam auf.
Der Bergdrache lächelte. „Du hast nicht der ersten glänzenden Spur geglaubt.“
Der Gurkenkönig schrieb in sein Notizbuch: „Manche Hinweise zeigen auf etwas Auffälliges. Die wichtigen Dinge können still sein.“ Dann sah er zum Einhorn.
Es breitete die weißen Flügel aus. Ein sanfter Wind trug es über die grauen Bergspitzen, dem grünen Farnwald entgegen. Der junge Gurkenkönig winkte, bis es nur noch ein heller Punkt zwischen den Wolken war.
Neben ihm brummte der Bergdrache zufrieden. Der Gurkenkönig steckte sein Notizbuch ein und sah zu dem schmalen Felsspalt zurück, in dem das Silbergras leise wuchs.
