Gurkenkönig
Das Lied der Glockenblumen
Zusammenfassung
Der junge Gurkenkönig wandert mit drei Zwergen zu den Glockenblumenfeldern, um dort ein Lagerfeuer zu machen und Sternschnuppen zu sehen. Als ein vermeintliches Klangzeichen sie auf einen falschen Weg führt, beobachtet er genauer und entdeckt die begrenzte Magie einer Abendglockenblume.
1. Der Aufbruch
Am Nachmittag stand der junge Gurkenkönig auf einem Hügel der Kleeweite und sah über das weiche Gras. Der Wind schob Kleeduft zu ihm herauf und zupfte an seinem grünen Blätterumhang. In seiner braunen Umhängetasche steckten sein Notizbuch, ein Stück Kreide und ein kleiner Apfel.
Drei Zwerge warteten schon am Weg. Sie trugen einen Korb mit Teig, Holzspieße und eine zusammengerollte Decke.
„Bis zu den Glockenblumenfeldern ist es noch ein gutes Stück“, sagte einer der Zwerge. „Wenn wir rechtzeitig ankommen, können wir Stockbrot backen und Sternschnuppen schauen.“
Der Gurkenkönig klappte sein Notizbuch auf. „Ich möchte herausfinden, warum die Glockenblumen abends manchmal klingen, obwohl niemand an ihnen rüttelt.“
Die Zwerge nickten. Gemeinsam wanderten sie los, vorbei an einem Steinkreis und über einen Hügel, hinter dem die Berge am Horizont blau schimmerten.
2. Die klingenden Wege
Als sie die Glockenblumenfelder erreichten, stand die Sonne schon tief. Überall wuchsen hohe Stiele mit blauen Blüten. Der Wind strich darüber hinweg, und tausend kleine Glocken schwankten hin und her.
Klingeling, klingeling, klingeling.
„Das ist ja ein ganzes Blumenorchester!“, rief ein Zwerg und hielt sich lachend die Ohren zu.
Der Gurkenkönig lächelte. Seine großen Segelohren hatten den Klang besonders deutlich gehört. Doch dann wurde er aufmerksam. Zwischen all dem hellen Klingeln klang manchmal ein einzelner, tiefer Ton.
Dong.
Er kam immer wieder aus derselben Richtung.
„Dort muss der Sternenplatz sein“, vermutete einer der Zwerge. Die Zwerge hatten gehört, dass man von einem flachen Felsen am Rand des Feldes besonders gut in den Himmel sehen konnte.
Der Gurkenkönig schrieb auf: „Hoher Ton: Wind. Tiefer Ton: vielleicht Wegzeichen?“ Dann folgten sie dem tiefen Klang zwischen den Blumen hindurch.
3. Der falsche Klang
Der Weg wurde schmaler. Die Glockenblumen standen nun so dicht, dass ihre Blüten die Kronen der Zwerge streiften. Der Gurkenkönig ging vorsichtig voran und hielt seinen Umhang fest, damit er nicht an den Stielen hängen blieb.
Dong.
„Da lang!“, sagte ein Zwerg.
Sie bogen ab, gingen um einen grasigen Buckel und blieben plötzlich stehen. Vor ihnen lag ein kleiner Bach. Er war nicht tief, aber die Steine darin waren glatt vom Wasser.
Auf der anderen Seite endete der Trampelpfad. Dort gab es keinen Felsen, keinen Lagerplatz und keine Sicht auf den Himmel.
„Der Ton hat uns hergeführt“, sagte der kleinste Zwerg enttäuscht.
Der Gurkenkönig kniete sich an den Bachrand. Neben ihm wackelte eine besonders große Glockenblume heftig im Wind.
Dong!
Jetzt sah er es: Der Stiel schlug bei jedem starken Windstoß gegen einen alten, hohlen Holzpfosten. Das tiefe Klingen war gar kein geheimnisvolles Wegzeichen gewesen.
Der Gurkenkönig pustete die Wangen auf. „Ich habe zu schnell geraten.“
4. Die stille Blume
Die Sonne berührte fast den Rand der Kleeweite. Die Zwerge sahen zum Himmel. „Wenn wir den Platz nicht bald finden, müssen wir das Feuer hier machen“, sagte einer.
Der Gurkenkönig schaute über den Bach und dann zurück zum Feld. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass etwas noch nicht stimmte. Die große Blume am Holzpfosten klang laut, aber nicht besonders. Alle Blüten im Wind klangen ähnlich.
Er setzte sich ins Gras und wartete einen Moment.
Da legte sich der Wind.
Die vielen hellen Töne verstummten. Nur weit hinten im Feld hörte der Gurkenkönig ein leises, rundes Läuten.
Duuung.
Eine einzelne Glockenblume bewegte sich nicht im Wind, denn es gab keinen. Trotzdem schimmerte an ihrem Blütenrand ein goldener Streifen Sonnenlicht.
„Hört ihr das?“, flüsterte der Gurkenkönig.
Die Zwerge wurden ganz still.
Duuung.
„Vielleicht ist das die Abendglocke“, sagte der Gurkenkönig. „Sie klingelt nicht durch den Wind. Sie klingelt, wenn die letzte Sonne ihre Blüte trifft.“
Er schrieb schnell: „Magische Regel? Abendglocke klingt nur im letzten Sonnenlicht.“
5. Der Sternenplatz
Der Gurkenkönig suchte nicht nach dem lautesten Ton. Er beobachtete, wohin der goldene Sonnenstreifen wanderte. Immer wenn er eine Blüte berührte, erklang das tiefe, ruhige Duuung.
Die Zwerge folgten ihm in einer kleinen Reihe. Einer trug den Korb, einer die Decke, und der dritte hielt die Holzspieße fest wie ein Bündel dünner Fahnen.
Bald führte sie der Klang um den Bach herum zu einer Stelle, an der flache Steine über das Wasser lagen. Die Zwerge prüften jeden Stein mit ihren festen Wanderschuhen. Dann gingen sie nacheinander hinüber.
Hinter dem Bach wurde das Feld niedriger. Dort stand tatsächlich ein breiter, glatter Felsen auf einer Anhöhe. Über ihm war der Himmel frei und weit.
Die letzte Abendglocke läutete noch einmal.
Duuung.
Dann verschwand die Sonne, und die Blume wurde still.
„Sie hat uns den Weg gezeigt, aber nur, solange das Licht da war“, sagte der Gurkenkönig. Er strich mit der Kreide einen kleinen Stern neben seinen Notizbucheintrag.
6. Feuer, Brot und Sternschnuppen
Die Zwerge bauten am Rand des Felsens eine kleine Feuerstelle aus bereits herumliegenden Steinen. Der Gurkenkönig sammelte mit ihnen trockenes, loses Holz vom Boden. Bald knisterte ein warmes Feuer, und der Teig drehte sich auf den Stöcken darüber.
Ein Zwerg formte sein Stockbrot viel zu dick. Als er es vom Feuer nahm, war es außen knusprig und innen noch weich wie Wolkenbrei.
„Das ist kein Brot“, sagte der Gurkenkönig und grinste. „Das ist ein Teigkönig mit schwarzem Mantel.“
Die Zwerge lachten so sehr, dass einer beinahe seinen Stock fallen ließ.
Später lagen sie auf der Decke und sahen nach oben. Die Kleeweite wurde dunkel und still. Da zog eine Sternschnuppe über den Himmel, dann noch eine.
Der Gurkenkönig hielt sein Notizbuch auf den Knien. Im Schein des Feuers schrieb er: „Nicht jedem lauten Zeichen folgen. Erst schauen, warten und vergleichen.“
Neben ihm duftete das Stockbrot. Über ihm funkelten die Sterne. Und weit unten im dunklen Glockenblumenfeld wartete die Abendglocke auf das nächste goldene Sonnenlicht.
