Franz Bayerhops
Die gelbe Blume bleibt im Herzen
Zusammenfassung
Franz entdeckt, dass die gelbe Blume, die er oft besucht hat, gestorben ist. Seine Traurigkeit bleibt da, doch er entscheidet selbst, sich mit einem kleinen Blumenbild und einem Steinkreis zu verabschieden.
Am Rand einer kleinen Lichtung im Wuschelwald blieb Franz stehen. Zwischen weichem Moos und Farn wuchs eine gelbe Blume, die er oft besucht hatte. Franz hatte ihr morgens immer „Guten Tag“ gesagt. Heute lagen ihre Blütenblätter auf dem Boden. Der Stängel war trocken und ganz still. Franz’ große Ohren sanken ein wenig. Er tippte die Erde neben der Blume mit einer Vorderpfote an. „Blume?“, flüsterte er. „Warum schaust du nicht mehr zur Sonne?“ Da kam Nino über den Pfad. Als er Franz so still sah, setzte er sich neben ihn. Franz schluckte. In seinem Bauch fühlte es sich schwer an, als läge dort ein kleiner Stein.
Mulekuh kam langsam über das Moos. Ihre runde Brille glitzerte im Licht. Sie betrachtete die Blume und setzte sich behutsam zu Franz und Nino. „Die Blume ist gestorben“, sagte sie leise. „Sie hat lange geblüht. Nun ist ihre Zeit zu Ende.“ Franz schaute auf seine grünen Hosen und rieb seine Vorderpfoten aneinander. „Aber ich wollte ihr morgen wieder Guten Tag sagen.“ Seine Stimme war ganz klein. Mulekuh nickte. „Das verstehe ich. Wenn jemand nicht mehr da ist, kann das sehr traurig machen.“ Franz wischte sich über die Nase. „Traurig fühlt sich doof an.“ „Traurig sein darf trotzdem da sein“, sagte Mulekuh warm.
„Vielleicht braucht die Blume nur Wasser“, sagte Franz plötzlich. Er holte aus einer kleinen Pfütze vorsichtig etwas Wasser in seinen Vorderpfoten und ließ es an die Erde tropfen. Nino wartete ganz ruhig neben ihm. Doch die Blume richtete sich nicht auf. Franz’ Schultern wurden schwer. Er wollte noch mehr Wasser holen, aber dann hielt er inne. Der trockene Stängel blieb still. Franz setzte sich wieder hin. „Das Wasser kann sie nicht zurückbringen“, sagte er. Mulekuh nickte langsam. Franz atmete einmal tief ein und wieder aus. Dann schaute er die gelben Blütenblätter an. „Ich möchte mich verabschieden. Das kann ich noch machen.“
Franz sammelte die Blütenblätter vorsichtig auf. Er legte sie auf einen weichen Mooshügel neben der Blume. Dann suchte er drei kleine, runde Steine und stellte sie im Kreis darum. Nino fand einen besonders glatten Stein und reichte ihn Franz. „Der soll in die Mitte“, entschied Franz. Mit einem dünnen Zweig malte er daneben eine große Blume in die Erde. Sie hatte viele gelbe Strahlen rund um ihr Gesicht. Franz betrachtete sein Bild. „Das war meine Blume“, sagte er. „Ich habe sie gern gehabt.“ Nino rückte ein Stück näher. Mulekuh legte sanft ihre Hufe neben den kleinen Steinkreis. Niemand musste etwas sagen.
Als die Sonne tiefer stand, wurde das Licht auf der Lichtung golden. Franz’ Bauch fühlte sich noch immer schwer an. Aber der kleine Stein darin drückte nicht mehr ganz so stark. Er schaute zu seinem Blumenbild und zu den Blütenblättern auf dem Moos. „Morgen komme ich wieder vorbei“, sagte er. „Dann sage ich ihr trotzdem Guten Tag.“ Nino lächelte. Franz nahm sein rotes Halstuch zwischen zwei Vorderpfoten und zog es gerade. Dann ging er mit Nino langsam den kleinen Pfad zurück. Hinter ihnen raschelten die Blätter ganz leise.
